Die Kombination alter und neuer Materialien und Konstruktionen

Für viele existierende reetgedeckte Gebäude gilt, dass sie, im Gegensatz zu den Neubauten, in einer Zeit ohne allgemeingültige Standards und in konventioneller Bauweise (z.B. als Fachwerkhaus) erstellt wurden. Die Komfortansprüche der heutigen Nutzer sind jedoch gestiegen, dies zieht eine Anpassung des wärmetechnischen Standards und eine Reihe von Baumaßnahmen mit sich. Die Umbauten und Sanierungen der konventionell gebauten Häuser werden häufig unter der Berücksichtigung der Energieeinsparverordnung und aufgrund begrenzter finanzieller Möglichkeiten in aufeinander folgenden Phasen durchgeführt.

Die folgenreichsten Sanierungsmaßnahmen:

  • Der Wechsel von der Ofenheizung zur Zentralheizung. Die Ofenheizung wärmt einzelne Zimmer durch Konvektion und Strahlungswärme. Die verbrauchte und feuchte Luft wird mit den Abgasen über den Schornstein entfernt. Die Zuluft kommt über undichte Fenster und Türen ins Haus. Ein sicheres Zeichen für eine Ofenheizung sind Eisblumen an den Fenstern, es herrscht jedoch ein trockenes Raumklima. Die Zentralheizung hingegen erwärmt gleichmäßig das gesamte Haus, auch außerhalb des Aufenthaltsbereiches. Eine mit Gas betriebene Zentralheizung benötigt keinen Schornstein, da die Zuluft von außen angesaugt und die Abgase nach außen abgeleitet werden. Bei einer Sanierung wird der vorhandene Schornstein abgeschlossen, obwohl hauptsächlich der Rauchkanal die aufgewärmte feuchte Luft ableitet. Die Notwendigkeit, Innentüren geschlossen zu lassen, entfällt und Feuchte kann sich durchs ganze Haus verbreiten. Die Folge: Es muss regelmäßig und richtig gelüftet werden.

  • Der Einbau neuer Fenster und Türen. Werden undichte, "alte" Fenster und Türen gegen moderne, nahezu luftdichte ausgewechselt, können sich die lüftungstechnischen Eigenschaften des Gebäudes merklich ändern. Moderne Fenster erreichen einen Uw-Wert von bis zu 1,3 W/m²K und sind durch bis zu drei Dichtungen absolut luftdicht. Die Montage der Fenster erfolgt so, dass die innere Abdichtung Raum- und Außenklima trennt und dampfdiffusionsdicht ausgeführt sein muss. Die vorherige „Selbstlüftung” durch undichte Fenster und Türen sowie deren Montage entfällt, die Verantwortung für die Wohnungslüftung liegt somit ausschließlich beim Nutzer. Weil viele Nutzer mit dieser Aufgabe überfordert sind (Gründe dafür sind unzureichende Information, Zeitmangel, Energiesparstreben, Zugempfindlichkeit, Bequemlichkeit etc.), wird häufig zu wenig gelüftet. Es besteht die akute Gefahr, dass Feuchtigkeitsprobleme auftreten, die sich negativ auf die Haltbarkeit der Reetdächer auswirken.

  • Das Neuverputzen und Streichen von Innenwänden ohne Beachtung des Wandaufbaus und der ehemals verwendeten Baustoffe. Wird ein weicher, kapillar- und diffusionsoffener Untergrund (wie z.B. eine Fachwerkfassade) mit einem dichten Außen- bzw. Innenputz (z.B. kunststoffvergütet) versehen, verhindert dieser den notwendigen Feuchtetransport. Ein kapillar- und diffusionsoffener Wandaufbau erfordert einen kapillar- und diffusionsoffenen Putz. Gleiches gilt für Anstriche. Weiche, kapillar- und diffusionsoffene Untergründe dürfen nicht durch die Grundierung und den Deckanstrich blockiert (z.B. durch Latexfarbe), überfestigt oder versprödet werden. So empfiehlt die Wissenschaftlich- Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA) in ihrem Merkblatt 8-9-00/D (Gebrauchansweisung für Fachwerkhäuser) für Fachwerkhäuser keine dampfdichten Fassadenanstriche, Holzanstriche, Verfugungen am Anschluss Fachwerk/Gefach und Fachwerk/Fachwerk zu verwenden.

  • Nachträgliche Dämmmaßnahmen mit Innendämmung bzw. Außendämmung. Bei der Sanierung eines Reetdachhauses werden in der Regel Dämmmaßnahmen mit dem Ziel der Energieeinsparung durchgeführt. Wird ein Reetdachhaus nachträglich gedämmt, werden jedoch auch die bauphysikalischen Eigenschaften des Gebäudes verändert. Ob eine Innen- oder Außendämmung verwendet wird, hängt im Wesentlichen von wirtschaftlichen Zwängen und den Denkmalschutzauflagen ab. Soll die Fassade eines Reetdachhauses erhalten bleiben, wird eine Innendämmung vorgenommen, in den übrigen Fällen wird normalerweise eine Außendämmung verwendet.
    Die zur Bauweise (Fachwerk, Massivbau, Skelettbau etc.) des Reetdachhauses passende Dämmung ist maßgeblich für den Einfluss nachträglicher Dämmmaßnahmen auf die Haltbarkeit eines Reetdachhauses verantwortlich. Werden z.B. die Außenwände eines reetgedeckten Fachwerkhauses mit einer dampfdichten Innendämmung versehen, kann die Feuchtigkeit der Raumluft nicht mehr mit Hilfe der Diffusion und Kapillarität durch die Wände abtransportiert werden. Die Konsequenz ist, dass die Anforderungen an das Lüftungsverhalten der Bewohner steigen. Verändert der Bewohner sein Lüftungsverhalten nicht, kann die erhöhte Feuchtigkeitsbelastung zu Bauschäden führen. Wird zudem die Dampfsperre nicht 100%ig dampfdicht ausgeführt, wird es zu Tauwasserschäden in den entsprechenden Bauteilen kommen. Grundsätzlich sollte bei der Innendämmung von Reetdachhäusern in Fachwerkbauweise innenseitig keine Dampfbremse bzw. dampfsperrende Schicht angeordnet werden, um den kapillaren und diffusionstechnischen Feuchtetransport der Fachwerkwände zu erhalten. Wird ein Innendämmsystem verwendet, ist zudem ein auf die spezielle örtliche Situation abgestimmter Systemaufbau wichtig. Eine Abwägung zwischen Wärme- und Feuchteschutz ist unerlässlich, zudem sind die Auswirkungen die das Ausfachungsmaterial bedingen zu beachten.

  • Die Erneuerung von Fußböden. Wird der Fußboden oder der Fußbodenbelag eines Reetdachhauses mit einer dampfdichteren Ausführung saniert, wirkt sich dies auf das Feuchteverhalten des Reetdachhauses aus. In nicht unterkellerten Altbauten (z.B. alte Bauernhäuser) wurden häufig unterlüftete Fußböden eingebaut. Dabei wurden die Holzbalken direkt in eine trockene Schotterschicht und darüber ein Holzdielenboden verlegt. Wird im Zuge einer Sanierung der alte Fußbodenaufbau mit einer Betonplatte, 7 cm Dämmung, dampfsperrender Bitumenbahn, einer Schicht Zementestrich und glasierte dampfdichte Fliesen ersetzt, dann verändert dies das Sorptionsverhalten des Bodens und die Feuchtigkeitsbelastung des Hauses steigt.

Das Reetdach war immer schon ein wichtiges Glied in der Kette der natürlichen Lüftung eines Hauses. Durch oben beschriebene Maßnahmen wird es jetzt zum dampftechnisch und oft auch noch „zugtechnisch” schwächsten Glied des Gebäudes. Bei einer Mischkonstruktion von Kalt- und Warmdach (z.B. ein Warmdach ohne Dampfsperre) wird die überschüssige Wohnfeuchte in diesem Fall zum größten Teil durch und in das Reetdach entweichen. Dies geschieht vor allem im Winter, wenn der Temperaturunterschied zwischen innen und außen am größten ist, am wenigsten gelüftet wird (Energieverlust) und der Dampfdruckunterschied am größten ist. Solange das Reetdach an der Außenseite sauber und trocken ist, wird das Reetdach aufgrund seines dampfoffenen Charakters diese Menge an Feuchte wieder abgeben.
Ist das Schilfdach an der Außenseite nass, was im Herbst und Winter oft und lange der Fall sein kann, wird die Feuchte an der nassen Außenseiten der Reetdachdeckung auskondensieren. Das Dach wird von innen heraus an der Außenseite immer feuchter. Wird an der Innenseite nachträglich ohne Dampfsperre gedämmt, vergrößert sich das Problem: Zum einen wird der Transport von Feuchtigkeit auch weiterhin stattfinden, zum anderen trifft der Wasserdampf auf eine kältere Dachdeckung und kondensiert in dieser aus.
Ist das Reetdach an der Außenseite bereits von Algen oder Moos befallen, wird sich die Zeit, in der das Reetdach abtrocknen kann, erheblich erhöhen und die Lebensdauer verringern.