Traditionelles Wohnen mit natürlichen Baustoffen

Reetdachhäuser, herrliche Dünenlandschaften, Nordsee, Urlaub auf dem Bauernhof. Das sind die Gedanken, die beim Thema "Reetdach" zuerst erscheinen. Das Image dieser Häuser ist ungebrochen positiv und wer einmal in Deutschlands Norden kommt und -möglichst in Strandnähe - vor einem solchen Haus steht, der atmet zuerst kräftig durch und genießt den herrlichen Anblick. Seit 15 Jahren entscheiden sich Bauherren wieder speziell für diese Bauweise, um die besondere Wohnqualität "täglich" zu erleben, die sie im Urlaub kennengelernt oder in den trendigen Zeitschriften gesehen haben.

Reetgedeckte Häuser gibt es bei uns bereits, seit die Menschen bis etwa 1800 v. Chr. Norddeutschland besiedelten. Die Bevölkerung wurde sesshaft und als Ackerbauer mit Vieh begannen sie damit, ihre Häuser mit langlebigen Materialien zu bauen. Anstatt mit Fellen, Laub und Ästen wurde mit Schilf, Knüppeln und Stämmen sowie Grassoden gebaut. Relativ schnell kam man dann auf den Naturbaustoff Stroh, der aufgrund seiner Eigenschaften als Wasserpflanze als robustes Material die besten Eigenschaften zum Dachdecken mitbrachte. Die ersten Reetdachhäuser wurden im Siedlungsgebiet der Germanen zur Jungsteinzeit im heutigen Schleswig-Holstein und Süd-Dänemark erbaut; es folgten immer modernere Unterkonstruktionen. Die verschiedenen Bevölkerungsschichten entwickelten unterschiedliche Bauweisen, die deren Bedürfnissen entsprachen. Rathäuser, Klöster, Kirchen und die Häuser Wohlhabender wurden aus Back- oder Bruchsteinen hergestellt, Bauernhäuser aus Holz, Lehm und Reet. In städtischen Gebieten wurden im Laufe der Zeit die Holzhäuser mit Reetdach durch Steinbauwerke mit harter Bedachung ersetzt. Dieser Prozess dauerte allerdings sehr lange. Die Stadt Flensburg z.B. verabschiedete im Jahr 1388 eine Rechtssatzung mit der Forderung, alle Neubauten mit Steindächern zu versehen. Erst 1770 verschwand das letzte Weichdach der Stadt. Auf dem Land blieb die Bedeutung des Reetdachs jedoch erhalten.

Man kann also sagen, dass sich Reet als Material für die Dacheindeckung aufgrund seiner einzigartigen Eigenschaften seit vielen Jahrhunderten und besonders in ländlichen Regionen bewährt, wobei man sagen muss, dass nicht nur die Norddeutschen diese glorreiche Idee hatten. In Europa, Afrika und Asien finden wir heute traditionelle, mit Reet gedeckte Häuser. Eine große Dichte an Reetdachhäusern findet man neben - Norddeutschland und Dänemark unter anderem auch in den Midlands von England und in Cornwall. Besonders kunstvoll verbaute Firstabdeckungen findet man auf der dänischen Insel Læsø.

Wichtig für die Bauentscheidung mit Reet ist vor allem das damit verbundene Lebensgefühl und die Wärme, die mit Reet gedeckte Häuser ausstrahlen. Außerdem liegt es an der naturbezogenen Bauweise, die man sogar hautnah erlebt, wenn das Dach vom Reetdachdecker fachmännisch Bündel für Bündel erstellt und langfristig haltbar in Form gebracht wird. Im deutschen Baugewerbe sind Reetdächer allerdings ein Nischenprodukt und daher kommt es auch, dass diese Häuser in Deutschland nur gebaut werden, wo das Handwerk und die Akzeptanz für diese Bauweise verbreitet ist.

Ist dann die Entscheidung des Bauherrn für Reet gefallen, geht es sofort ins technische Detail. Die Formen der Dächer sind vielfältig und variabel. Die Lebensdauer eines Reetdachs hängt von vielen Faktoren ab, wie z.B. die Form, die Ausführungsdetails, die richtige Belüftung, die Konstruktion des Daches, die Kombination alter und neuer Materialien. Vor allem steht aber die Qualität des Dachreets, das für Norddeutschland vorrangig aus der Türkei oder Rumänien importiert wird, weil sich diese Sorten durch ihre Härte und einen im Verhältnis zur Länge dünnen Halm auszeichnen. Türkisches Reet begeistert außerdem mit seiner gesunden gelben Farbe und ist deshalb besonders beliebt.

Ausschlaggebend für die Haltbarkeit ist auch die Lage des Reetdaches, der Befall mit Algen, Moosen und Pilzen sowie die Pflege. Versierte Anbieter gewähren heute bis zu 20 Jahre Garantie auf ihr Reet, die sich auf die Sicherheit der Hauptdachfläche gegen Regen bezieht und zehn Jahre für Sonderbereiche wie Gauben und Kehlen umfasst.

Es ist also nachvollziehbar, wenn die Anbieter von Qualitätssicherung und den des Reets sprechen und zu recht bemerken, dass ihre Arbeit mit der Kontrolle des Reetwachstums beginnt. "Das Reet ist immer nur so gut wie der Boden, auf dem es wächst, die Sonnenstunden die es bekommt und das Wasser, das es umgibt", sagt Tom Hiss, Geschäftsführer der Hiss Reet Schilfrohrhandel GmbH aus Bad Oldesloe, die bewusst in den Gebieten mit den besten natürlichen Wachstumsbedingungen in die jeweiligen Produktionsbetriebe investiert. Das Unternehmen unterhält intensive Kontakte zu den Partnerfirmen vor Ort über ihre Einkäufer, um die Einhaltung der Hiss Reet Qualitätskriterien sicherzustellen. Die chemische Zusammensetzung der Halme wird zudem durch unabhängige Forschungsinstitute geprüft, bevor die besten Reetfelder für den Abbau bestimmt werden und der Bauherr weiß damit im Idealfall genau, woher sein Reet stammt.

 

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Reet wird ohne Zusätze gewonnen und verarbeitet. Wie ein guter Wein muss auch gutes Reet zum richtigen Zeitpunkt geerntet und fachgerecht aufgearbeitet werden. Tom Hiss: "In den Produktionsunternehmen wird das Reet nach unseren Vorgaben geerntet und aufbereitet, sodass wir über Reet bester Qualität verfügen." Erst wenn das Reet ausgereift ist, seine Blätter verliert und sich die Nährstoffe aus dem Halm in die Wurzeln zurückgezogen haben, wird mit der Ernte begonnen. Vor der Aufbereitung trocknet das Reet zwei bis vier Monate auf traditionelle Art in kegelförmigen Hocken, wodurch eine gute Durchlüftung gewährleistet ist. Wenn die Feuchtigkeit der Rohbunde 10% unterschreitet, wird das Reet in echter Handarbeit von Fremdmaterial befreit, sortiert, gebunden und für den Transport nach Deutschland in Großballen gepackt. Im Idealfall wird das Reet direkt zur Baustelle geliefert. Bei einer Zwischenlagerung wird auf optimale Lager- und Transportbedingungen des Reets geachtet. Die „Reetregale” und Lagerhallen in Bad Oldesloe sind mit einer atmungsaktiven Seitenverkleidung aus Schilfmatten ausgestattet. Sie garantieren eine trockene, aber vor allem gut durchlüftete produktgerechte Lagerung.

 

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Aufgrund der geringen Rohdichte von Schilf sorgt Reet für guten sommerlichen Wärmeschutz und gute Wärmedämmung im Winter. Bedingt durch die modernen Bautechniken und baurechtlichen Vorgaben werden Reetdächer inzwischen ihrem Unterbau angepasst und mit Hinterlüftung (gemäß DIN 4108) als Kaltdach gebaut. Die Hinterlüftung führt übrigens entstehende Feuchtigkeit ab und sorgt so für eine höhere Lebensdauer des Reetdaches.

 

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In vielen Landschaften Europas, Asiens und Afrikas kennt man Reetdächer. Gerade in Nord- und Ostfriesland findet man viele vollständig reetgedeckte Gebäude. Die dichteste Bebauung mit Reet findet man auf der Insel Sylt. Es ist vor allem der Blick auf das Reetdachhaus und auch der angenehme Duft, der den Betrachter des Hauses begeistert. Kein Ziegeldach strahlt so viel Wohlbehagen aus wie ein mit Reet gedecktes Haus.


Die Reeternte findet vor allem Anfang des Jahres statt.