Brandstiftung im Namen der Wissenschaft

von Ina Schmiedeberg

Ein üppiger Feuerschwall ergießt sich vom First auf das kleine Vordach. In aller Ruhe dreht und wendet der Feuerwehrmann seine kleine Digitalkamera, um das Motiv so gut es nur geht einzufangen. Seine Kollegen stehen, zwar ebenfalls in dicker Schutzkleidung, aber scheinbar tatenlos, neben ihm. Die Brandschützer warten auf ihren Einsatz, aber noch ist es nicht soweit. Der in Schleswig-Holstein einzigartige Brandversuch hat Fernsehteams, Zeitungsreporter und staunende Besucher auf das Geländer der Fachhochschule Lübeck gelockt.

Professor Georg Conradi und Professor Manfred Logemann haben 2003 an der FH Lübeck das Projekt „Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen” begonnen. In diesem Rahmen wurde eine neue Reetdachkonstruktion mit einer Massivholzplatte entwickelt, die ohne zusätzliche Wärmedämmung auskommt. Im vergangenen Jahr wurde bereits ein Wohnheim in Scharbeutz nach den Plänen der Lübecker gebaut, das im Sommer den Rettungsschwimmern der DLRG als Unterkunft dient und im Winter für gemeinnützige Tagungen und Seminare zur Verfügung steht. Die Neuentwicklung ist aus einer ganzen Reihe von Gründen sehr interessant: Da ist zum Beispiel der Umweltaspekt, denn „Holz wächst wie Spargel”, sagt Conradi und verweist auf 25 % ungenutzten Überschuss in Schleswig-Holstein. Zudem sollen Unternehmen aus der Region von dem so genannten Regionalhaus profitieren, und nicht zuletzt passt ein Reetdachhaus nun einmal zum Norden wie ein Flügel in den Konzertsaal. Beeindruckend ist jedoch vor allem das Brandverhalten der Konstruktion. Gerät ein Reetdachhaus in Flammen, so entsteht gewöhnlich in erschreckender Geschwindigkeit ein Totalschaden. Ein Feuer von so gewaltiger Zerstörungskraft ist nicht nur kostspielig, sondern lebensgefährlich.

Flammen tanzen auf dem Dachfirst

Dennoch sind Conradi und Logemann an diesem sonnigen Tag im Mai zuversichtlich und bester Laune. Die Feuerwehr hat den Bereich um das kleine Reetdach-Testhaus auf dem Gelände der Fachhochschule abgesichert. Der Wind ist stark, böig und wechselt kontinuierlich die Richtung. Diplom-Ingenieur Steffen Slama, der für die brandschutztechnischen Untersuchungen des Projektes zuständig ist, hat alle Hände voll zu tun. Neun Temperatursensoren sind in der Dachkonstruktion versteckt; Mitarbeiter der Materialprüfanstalt Braunschweig haben in sicherer Entfernung ihre Messgeräte aufgebaut.

Das Dach ist in drei unterschiedliche Testfelder eingeteilt: Im ersten, das genau der Neukonstruktion entspricht, wurde das Reet direkt auf die Weichfaserplatte geschraubt, die über der Massivholplatte liegt. Im zweiten Testfeld laufen horizontal Latten über das Dach, so dass es eine Hinterlüftung von vier Zentimetern gibt; im dritten Feld sind es acht Zentimeter. Zeitgleich werden wie Felder an der Dachtraufe mit einem Feuerzeug und einem Stück Papier in Brand gesteckt.

Die Flammen klettern das Dach herauf. „Siehst Du, meins brennt am besten”, sagt Conradi, der das dritte Feld entzündet hatte, augenzwinkernd zu seiner Tochter. Etwas Anderes hatten die Wissenschaftler nicht erwartet; die Hinterlüftung nährt das Feuer. Innerhalb einer Minute erreichen die Flammen rechts den First. Beim Blick nach links werden sie immer langsamer. Nach zweieinhalb Minuten brennt dennoch die ganze Dachfläche lichterloh. Allerdings gehen die Flammen im Testfeld eins auf der verkohlten Oberfläche von allein zurück. Nur in den belüfteten Bereichen brennt es dauerhaft. Ein kleines Vordach, das in konventioneller weise – also ohne Massivholzplatte – gebaut wurde, verwandelt sich in einen einzigen Feuerball. Durch die enorme Hitze, die hier entsteht, springt die Glasscheibe der Tür.

Bewohner wären im Haus sicher gewesen

Nach einer halben Stunde beginnt die Berufsfeuerwehr Lübeck schließlich mit den Löscharbeiten. In der Regel sind die Einsatzkräfte nach zehn Minuten vor Ort. Der Brandversuch lief also ausgesprochen lang.
Zufriedene Gesichter bei den Lübeckern: Die Massivholzplatte wurde durch das Feuer nur rechts oberflächlich angegriffen. Wenn auch das Bild für den Laien auf den ersten Blick erschreckend wirkt, sind die Schäden äußert gering.

Brandspuren an der Fassade, doch die Wände des Hauses sind unversehrt. Ein großer Erfolg zeigt sich vor allem im Inneren. Durch die Fugen zwischen den Testfeldern ist ein wenig Löschwasser und durch die zerstörte Tür etwas Rauchgas eingedrungen. „Aber die Temperatur ist hier nicht angestiegen”, sagt Slama. Ohne das Vordach hätte man im Haus nichts vom Feuer mitbekommen.

Das Forschungsprojekt wird noch bis zum Frühjahr 2008 vom Wissenschaftsministerium gefördert. Es wird weitere Brandversuche und Untersuchungen zum Schallschutz geben. Wer mehr über das Regionalhaus wissen und die Entwicklung verfolgen möchte, findet Informationen im Internet unter www.regionalhaus-luebeckerbucht.de